Allgemein · Herzgeschichten

„Ich bin schwerbehindert.“

Ein Satz der mir – positiv betrachtet- schon viele oberflächliche Freundschaften erspart hat!

Mein Herzfehler ist ein Thema, mit dem ich offen umgehe, jedoch nicht beim ersten Kennenlernen frei heraus davon berichte. Nicht weil ich mich dafür schäme oder mich nicht traue anderen davon zu erzählen, eigentlich ganz im Gegenteil. Ich bin der Meinung, dass ich es mittlerweile schaffe sehr offen und selbstbewusst darüber zu sprechen und anderen davon zu erzählen, jedoch bin ich der Meinung, dass es doch nicht jeden direkt etwas angeht.

Meistens kommt das Thema Herzfehler erst zur Sprache, wenn man sich schon eine kleine Weile kennt und vielleicht gerade in einem gemütlichen Moment denkt, dass man damit jetzt ruhig mal rausrücken könnte ;-), wenn man durch irgendein anderes Thema darauf zu sprechen kommt (von den Äpfeln, zu den Birnen und auf einmal redet man über Disney Filme, ihr wisst denke ich was ich meine 😛 ), oder ich werde, vor allem natürlich im Sommer, auf meine Narben angesprochen (und das, obwohl ich die meisten meiner Narben eigentlich wirklich unauffällig finde 🙂 ).

Ich habe bis jetzt die verschiedensten Erfahrungen gemacht, wie meine jeweiligen Gegenüber damit umgehen. Hauptsächlich gibt es hier zwei „Extreme“. Die Einen, die mich mitleidig anschauen und dann schnell wieder aus deinem Leben verschwinden und die Anderen, die ganz normal damit umgehen, mit der Zeit ab und an Fragen stellen und mit denen sich meist sehr gute Freundschaften entwickeln. Natürlich ist es manchmal schwer zu akzeptieren, dass Leute, mit denen du dich zuvor wochenlang gut verstanden hast, in der Schule oder Uni zusammen gewitzelt und Sachen unternommen hast, auf einmal keine Zeit mehr haben, „total beschäftigt“ sind, dich immer seltener grüßen und dann nach und nach aus deinem Leben verschwinden. Ich denke, dass für viele Menschen die Konfrontation mit solchen „Problemen“ und einer Krankheit, die eine Laune der Natur ist und daher in jeder Familie zufällig auftreten kann, einfach eine zu reale Angst ist, der sie sich dann eventuell stellen müssten. Vielleicht sehen sie es auch als Last an, eine Freundin zu haben, die gesundheitlich mehr belastet ist und in manchen Dingen sogar benachteiligt ist.

Mit der Zeit habe ich für mich jedoch beschlossen das hauptsächlich positiv zu sehen. Dadurch habe ich mir ganz klar Zeit gespart (so seltsam das auch klingen mag), die ich so ansonsten mit Menschen verbracht hätte, die in schwierigen Momenten oder Zeiten, in denen es mir nicht gut geht und ich mir Hilfe und Unterstützung von Freunden wünsche, diese vielleicht einfach „abgetaucht“ wären, obwohl ich dachte, dass ich mich auf sie verlassen kann. Man kann zwar sagen, dass ich dadurch keinen riesigen Freundeskreis habe, viel wichtiger und schöner ist es doch zu wissen, was aber auch viele andere mit der Zeit feststellen, dass man Zeit mit den wenigen Freunden verbringt, die wirklich für einen da sind. Die Art von Freunden, die man zu jeder Tages- und Nachtzeit anrufen oder anschreiben kann, ohne befürchten zu müssen, dass sie genervt sind, deine Befürchtungen und Probleme nicht verstehen oder verstehen wollen, die in jeder „dunklen Phase“, in der man wieder an sich und überhaupt allem zweifelt, für dich da sind, dich aufbauen und die Geister vertreiben.20150829_151128.jpg

Ich bin unendlich glücklich und dankbar über die Menschen, die ich wirklich meine Freunde nennen kann, die mir in schweren Situationen geholfen haben, indem sie zum Beispiel für mich zu Ärzten und Apotheken gelaufen sind, weil ich es nicht konnte, mit denen ich obwohl man sich kaum sieht, alle meine Probleme teilen kann und wir diese minuziös auseinandernehmen, bis es mir besser geht und die, die in schweren Momenten so lange mit mir telefonieren, bis ich nicht mehr alleine zu Hause bin. ❤

Diese tollen Freunde habe ich auch meinem Herzfehler und Sätzen wie „Ich bin schwerbehindert.“ zu verdanken, denn dadurch werden sie quasi sofort „auf Herz und Nieren geprüft“ 😉 . Es ist schön zu sehen und zu wissen, dass man mit der Zeit auch in Dingen, die einem vorher Sorgen bereitet haben, etwas positives abgewinnen und diese gezielt nutzen kann, ohne „behindert“ zu sein oder werden. ❤

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2 Kommentare zu „„Ich bin schwerbehindert.“

  1. Schön zu lesen. Es freut mich, dass Du so offen damit umgehen kannst. Ich habe meine MS-Diagnose (Multiple Sklerose) erst seit fünf Jahren und übe noch 😉 Auch ich habe die Erfahrung gemacht, – und mache sie gerade wieder, dass manche Menschen in für mich schweren Zeiten einfach abtauchen. Es ist verletzend, da ich dann doch spüre, dass es gar nicht so sehr um mich als Menschen ging in der Freundschaft, sondern vielleicht eher um das, was ich geben kann.
    Allerdings habe ich gerade in den letzten Tagen auch einige postive Erfahrungen und Reaktionen erfahren. Vielleicht umgebe ich mich unbewusst nun schon eher mit Menschen die damit gut umgehen können (oder dabei sind es zu lernen) als dies vor ein paar Jahren noch der Fall war.
    Noch schwieriger finde ich aber den offen Umgang mit meiner starekn Angsterkrankung (Agoraphobie). Aber ich lerne. U.a. auch durch und mit den Erfahrungen in Blogs wie diesem. Danke. 🙂

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    1. Ich habe auch lange gebraucht, um in solchen Situationen das Positive zu sehen. Manchmal gelingt es mir auch immernoch nicht. Es ist einfach ein andauernder Prozess, bei dem man immer wieder dazulernt, Schritte vor und zurück macht. Aber die Situationen in denen man das Positive sieht, sind für mich entscheidend und aus den anderen versuche ich zu lernen! Und es freut mich, dir mit meinem Blog eventuell ein bisschen helfen zu können!!! 😊😊 💪

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