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Scheinriesen

„Wer nur den Teufel an die Wand malt
Verliert den Blick auf das, was zählt
Wer Ängste aufeinanderstapelt
Darf sich nicht wundern, wenn dann alles zerfällt

Dieses Lied „Scheinriesen“ von Yvonne Catterfeld höre ich in letzter Zeit öfter (Ende März waren wir auch auf einem ihrer Konzerte), so auch auf einer unserer Autofahrten mit C zu meinen Eltern. Direkt meinte er zu mir, dass das doch eigentlich mein Lied sei, es würde genau mich und meine „verdrehte Ansicht“ von mir und allem was ich tue beschreiben. Seitdem kommentiert er vieles was ich sage einfach mit „Ach Elli, typischer Scheinriese.“
Zuerst habe ich den Bezug zwischen dem Lied und mir lachend verneint. Als wird es dann aber noch einmal hörten, konnte ich ihm einfach nur Recht geben.

Wer nur Schreckensbilder zeichnet, verliert schnell mal die Sicht
Denn was wirklich los ist, das zeigen sie nicht
Sorgen türmen sich und werden groß wie Riesen
Werfen Schatten, werfen neue Fragen auf
Doch wenn du dich ihnen stellst statt wegzulaufen
Seh’n sie von Nahem gar nicht so bedrohlich aus
Du wirst seh’n, dann wirken sie klein
Dann werden die Riesen nur noch Scheinriesen sein

Gerade im Alltag ist es leicht sich mit anderen zu vergleichen. Auf dem Campus, in der Sbahn, das Bild im Internet, all das zeigt genau das, was du deiner Meinung nach nicht bist, zeigt etwas besseres, was du niemals erreichen wirst. Leicht verfällt man in schlechte Muster, ist mit sich selbst unzufrieden und beginnt alles anzuzweifeln, was einen ausmacht.
Meine Taille zu klein, Augenringe zu dunkel, Haare zu dünn, Bauch zu dick, meine Klamotten zu langweilig.
Meist bleibt es nicht „nur“ beim Äußerlichen, sondern man entdeckt auch sonst immer mehr Dinge, die man an sich kritisieren kann, die alle anderen einfach besser können. Andere beenden ihr Studium in viel kürzerer Zeit, schreiben bessere Noten, haben mehr Erfolg, sind super sportlich, haben Hobbys in denen sie richtig gut sind und werden von jedem gemocht.

Vieles sieht von Weiten anders aus
Erst durch Nähe wird klar, was da ist
Ein Turm aus Zukunftsvision’n, so hoch er auch ist
Verschafft noch lange keinen Überblick

Wenn man einmal damit angefangen hat, scheint es kaum ein Ende zu nehmen, jeden Tag kommen neue Dinge dazu, jeden Tag fühlt man sich ein bisschen schlechter als zuvor.
Aber wie soll man auch damit aufhören, wenn einem die Umgebung alles aufzeigt, was man nicht hat, nicht kann, aber doch so gerne hätte? Leben wir nicht in einer Gesellschaft, in der wir alle perfekt sein müssen? Wir sollen erfolgreich sein, nebenbei eine Familie gründen, mit Freunden Kontakt halten, mindestens vier mal die Woche Sport machen und das am besten alles erreicht haben noch bevor man 30 ist.
Kein Wunder, dass man ab und an verzweifelt und den Glauben an sich verliert.

Wer nur Schreckensbilder zeichnet, verliert schnell mal die Sicht
Denn was wirklich los ist, das zeigen sie nicht
Sorgen türmen sich und werden groß wie Riesen
Werfen Schatten, werfen neue Fragen auf
Doch wenn du dich ihnen stellst statt wegzulaufen
Seh’n sie von Nahen gar nicht so bedrohlich aus
Du wirst seh’n, dann wirken sie klein
Dann werden die Riesen nur noch Scheinriesen sein

Was also tun? Einfach ignorieren und diese Gefühle unterdrücken?
Nicht möglich und auch keine dauerhafte Lösung, wie ich finde.
Ich habe das unglaubliche Glück, dass C, meine Familie und meine beste Freundin mich immer wieder auf diese Scheinriesen aufmerksam machen, mir aufzeigen, dass es gerade diese Dinge sind, die mich ausmachen und die sie an mir mögen.
Dadurch werde ich quasi immer wieder gezwungen mich mit diesen Riesen zu konfrontieren, darüber nachzudenken. Manchmal ist genau das der Auslöser, der mich dazu bringt mir einzugestehen, dass ich diesen Problemen einfach größeren Wert gegeben habe als eigentlich nötig.

Du wirst sehen, dann wirken sie klein
Dann werden die Riesen nur noch Scheinriesen sein“

Jetzt hat vielleicht nicht jeder liebe Menschen um sich, die einen tagtäglich sehen, kennen und dann auf solche Scheinriesen aufmerksam machen. Außerdem kann es sein, dass ein zuvor bekämpfter Scheinriese sich in den schwachen Momenten erst heimlich wieder anschleicht, um dann wieder mit voller Wucht anzugreifen.
Was tun wir dann?
Ich denke, dass es wichtig ist, sich mit diesen Riesen auseinanderzusetzen, sich deren Anwesenheit bewusst zu werden, herausfinden, welche wirkliche Riesen und welche nur Scheinriesen sind. Auch sollte man diese Gefühle mal zulassen, denn wie ich zuvor schon gesagt habe, ist Unterdrücken oder Verdrängen keine dauerhafte Lösung.

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Oftmals hilft es sich diese Gedanken aufzuschreiben und wegzulegen, bis man einen besseren Tag hat. An diesem hat man eher die Kraft sich diesen Riesen zu stellen und sich ihnen bewusst zu werden.
Dann werden wir feststellen, dass diese Dinge, diese Riesen von weitem mit ein bisschen Abstand viel kleiner aussehen und nur noch Scheinriesen sind.

 

Kennt ihr auch solche Scheinriesen? Welche versucht ihr zu bekämpfen und was hilft euch dabei? 

Auf bald,

Elli ❤

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4 Kommentare zu „Scheinriesen

  1. Liebe Elli,

    Du sprichst mir aus der Seele! Besonders die Punkte „andere sind schneller / besser in der Uni“ und „ALLES schaffen vor 30!“ passen wie die Faust aufs Auge. Vergleichen kann frustrierend sein. Also Schluss damit 🙂
    Dicker Kuss

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  2. Interessanter Post! Bei „Scheinriesen-Sorgen“ denke ich momentan zwar mehr an politische und wirtschaftliche Aspekte, die mir sehr Kopfzerbrechen bereiten und für viel Unsicherheit sorgen. Diesen könnte ich auch mit mehr Engagement und Gelassenheit begegnen anstatt mich damit zu quälen, dan wären sie vielleicht weniger bedrohlich…
    Aber was Du über die persönlichen Dinge (Aussehen, Erfolg in allen Bereichen, Beliebtsein usw.) schreibst, passt auch sehr gut. Und ja – am besten soll man bis 30 in allen Lebensbereichen „gesettlet“ sein. Und das bei einer soo hohen Lebenserwartung wie wir sie heutzutage haben! Wozu der Stress?!
    Viele Grüße,
    Ellen
    http://schoenmalsogedacht.wordpress.com/

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    1. Danke Ellen 🙂
      Das stimmt, diese Scheinriesen kann man auf den verschiedensten Gebieten haben. Wichtig ist nur, dass wir wissen, dass es sich um diese Scheinriesen handelt, damit wir es vielleicht schaffe diese zu „bekämpfen“.
      Ich weiß auch nicht, woher der ganze Stress immer kommt, aber anscheinend ist das etwas, was uns unsere Umwelt/Gesellschaft vorgibt….aber ja-man sollte sich selbst einfach mal denken: Wozu der ganze Stress? Und die anderen reden lassen!
      Glg 🙂

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Kommentare sind geschlossen.